Ein Betroffener berichtet:

Mein Weg aus dem Burn-out

Ein Leben am Limit der Leistungsgrenze – bis zur völligen Erschöpfung. Robert Placek, selbst Burn-out-Betroffener, teilt seine Erfahrungen und berichtet über seinen Weg zurück ins Leben.

Burn-out beschreibt einen andauernden Zustand der totalen emotionalen Erschöpfung. Dabei handelt es sich keineswegs um einen Modetick und auch nicht um eine reine Managerkrankheit.  Burn-out kann jeden treffen und entwickelt sich mittlerweile zur Volkskrankheit. Rund 30 Prozent der Österreicher sind in ihrem Berufsalltag vermehrt psychischen Belastungen ausgesetzt und gelten als Burn-out-gefährdet – eine Folge unserer modernen Leistungsgesellschaft.

Stadium 1:

Der Zwang, sich zu beweisen. Gesundes Engagement wird zu übersteigertem Ehrgeiz.

Stadium 2:

Verstärkter Einsatz. Es wird versucht, alles selbst zu machen. Delegieren fällt schwer.

Stadium 3:

Vernachlässigung eigener Bedürfnisse. Immer weniger Zeit für Ruhe und Entspannung oder soziale Kontakte.

Stadium 4:

Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen. Ab diesem Stadium zeigen sich oft erste körperliche Beschwerden.

Stadium 5:

Umdeutung von Werten. Arbeit wird wichtiger als Beziehungen. Es kommt zur emotionalen Abstumpfung.

Stadium 6:

Verstärkte Verleugnung der Probleme. Abschottung von der Umwelt, Aggression.

Stadium 7:

Sozialer Rückzug, Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit. "Dienst nach Vorschrift."

Stadium 8:

Verhaltensänderungen und Ersatzbefriedigungen (Alkoholkonsum, Shoppen, Essen).

Stadium 9:

Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit.

Stadium 10:

Innere Leere (Mutlosigkeit, Angst).

Stadium 11:

Depression, Suizidgedanken.

Stadium 12:

Völlige Burn-out-Erschöpfung.



Robert Placek erklomm die Karriereleiter in einem internationalen Konzern im Laufschritt: Vom Techniker zum Produktlinienmanager und Kundendienstleiter weltweit, eine 60-Stunden-Arbeitswoche,  internationale Verantwortung, jederzeit erreichbar, weltweit unterwegs. Innere Glaubenssätze wie: "Ich muss mehr leisten, muss besser sein, muss anderen gefallen", gepaart mit einer auf vollständiges Ausschöpfen aller Ressourcen ausgelegten Unternehmensstrategie zeigten Folgen: Burn-out – Game over.  Nach einem langen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben hat sich der ausgebildete Mentalcoach, Lebens- und Sozialberater zum Ziel gesetzt, Menschen und Unternehmen zu helfen, Burn-out vorzubeugen beziehungsweise wettbewerbsstärkende sowie menschenzentrierte Arbeitsbedingungen zu schaffen. 

Robert Placek im Interview

Wie kam es bei Ihnen zum Burn-out?

Robert Placek: Ich bin nach Schule und Bundesheer in einen internationalen Konzern eingetreten, habe mit viel Engagement und Loyalität alles gegeben. Nach dem Motto "Geht nicht – gibt’s nicht" und "Geht es dem Betrieb gut, geht es auch den Mitarbeitern gut". Nach Wechsel des sehr menschenorientierten Vorstandes ging es nur noch um Leistungssteigerung und Gewinnmaximierung. Die Anforderungen wurden immer höher und ich ging permanent über meine persönliche Leistungsgrenze. Das eigene Empfinden habe ich dabei völlig außer Acht gelassen.

Gab es Anzeichen für das Burn-out?

Placek: Es hat viele Symptome gegeben, aber weil sie schleichend kommen, sind sie mir selbst nicht aufgefallen. Etwa Schlaflosigkeit, Nachtschweiß, Ohrensausen und das Gefühl, ständig etwas tun zu müssen. Jede Minute der Zeit musste ausgefüllt sein. Das habe ich nicht nur im beruflichen, sondern auch im privaten Bereich ausgelebt, mit Tätigkeiten als Skilehrer, Mountainbike-Guide und Bergretter. Schließlich kam ich eines Tages in der Früh nicht mehr aus dem Bett, war wie gelähmt.

Dann folgte der Zusammenbruch?

Placek: Drei Tage vor dem akuten Burn-out habe ich noch einen Leistungstest gemacht. Ich war körperlich topfit. Der psychische Knackpunkt war jedoch erreicht. Ich kann mich noch gut erinnern. Ich bin mit einem Arbeitskollegen beim Kaffee gesessen und er hat mehrmals gesagt: "Robert, dein Pensum würde ich nicht schaffen." Anfangs hab ich noch gelacht und gemeint, das wäre alles nur Einteilungssache. Beim dritten Mal fing ich plötzlich an zu weinen und habe nicht mehr aufgehört. Durch die psychische Belastung hat der Körper schließlich Teile des Gehirns einfach abgeschaltet. Ich wusste weder meinen eigenen Namen noch den meines Sohnes. Ich wusste nicht mehr, wo ich wohne und konnte den Unterschied zwischen einer Spülmittelflasche oder einem Saftpackerl nicht mehr erkennen. Ich habe mich völlig zurückgezogen, hatte plötzlich Angst, unter Menschen zu sein. Alltägliche Situationen haben bei mir plötzlich Panik ausgelöst. Trotz Panikattacken, Ängsten und vollkommener Verzweiflung habe ich großteils versucht, diese schwierige Zeit mit Humor zu nehmen.

Wie haben Sie wieder aus dem Burn-out gefunden?

Placek: Mein Psychiater hat mir gleich gesagt: "Sie haben neun bis zehn Jahre intensiv daran gearbeitet, um ins Burn-out zu kommen, Sie werden etwa ein Drittel der Zeit brauchen, um wieder herauszukommen." Das konnte und wollte ich erst nicht glauben, ich dachte, in zwei bis drei Wochen bin ich wieder fit. Aber im Nachhinein betrachtet, hatte der Arzt recht. Erst im dritten Jahr habe ich dank viel Engagement und selbst investiertem Geld langsam wieder zu mir selbst gefunden. Ich wusste recht bald, dass ich so nicht weitermachen konnte und so begann eine  schwierige Phase der totalen beruflichen Neuorientierung. Dann wurde mir die Ausbildung in Mentalcoaching an der Universität Salzburg empfohlen. Diese sechssemestrige Ausbildung zum Master of Science in Mentalcoaching sowie Lebens- und Sozialberater hat für mich den radikalen Lebensumbruch bedeutet. Alles, was dort gelehrt wurde, habe ich selbst erlebt und nun die Theorie dazu geliefert bekommen. Dies war für mich die wichtigste Ausbildung in meinem Leben und gleichzeitig Therapie. Im Rahmen meiner Abschlussarbeit Mentale Fitness im beruflichen Alltag habe ich ein Trainingsprogramm entwickelt, das hilft, Burn-out vorzubeugen beziehungsweise Menschen aus dem gefährlichen Risikomodus wieder herauszuführen. Das Studiendesign wurde von der Johannes Kepler Universität Linz übernommen und an einigen größeren Unternehmen zur Analyse der Burn-out-Prophylaxe getestet. Ich habe die Zeit seit meinem Zusammenbruch im Jahr 2010 genutzt, um einerseits selbst wieder voll funktionstüchtig zu werden und andererseits einen Weg zu finden, um Menschen zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und anderen sowie den Herausforderungen der Zeit zu bewegen.

Wo beginnt die Abgrenzung zwischen zu viel Stress und Burn-out? Wie kann man Burn-out vorbeugen?

Placek: Stress ist lebensnotwendig. Es ist die persönliche Einstellung, wie wir Stress empfinden. Ist die Situation eine Herausforderung oder empfinde ich sie als nicht bewältigbar, als Bedrohung. Die Grenze zwischen positiv und negativ hängt mit Ja und Nein sagen zusammen. Gibt es eine Selbstentscheidung oder handelt man nur fremdbestimmt? Fremdbestimmung führt auf Dauer zur Frustration, was wiederum stresst. Kaum jemand nimmt sich heute die Zeit, auf sich selbst zu achten. Man stellt ein Auto zum Service - in dem Glauben, es ist nichts kaputt - und ist überrascht, wenn der Mechaniker meint, die Bremsen wären nicht mehr lange funktionstüchtig. Ebenso ist es mit der Psyche. Der Mensch braucht ebenso ein Service wie ein Auto. Gesprächstherapie ist eine Art Service für die Psyche. Sie liefert wichtige Strategien, mehr auf sich selbst und auf die Signale des Körpers zu achten und handlungsfähig zu bleiben. Wieder Selbstbestimmung bekommen und nicht nur fremdbestimmt leben ist das Ziel. Das Wesentliche ist, die unveränderbare Realität zu verstehen, handhaben zu können und als sinnhaft zu erleben. Das beinhaltet auch eine Änderung der Lebenseinstellung.

Wer ist besonders Burn-out gefährdet?

Placek: Menschen, die aufgrund ihrer Sozialisierung sehr leistungsorientiert in punkto Fremdbestimmung erzogen wurden, die stark auf gelernte Glaubenssätze anspringen, wie "Du musst allem entsprechen", "Du musst Leistung bringen".  Diese Menschen sind sehr anfällig, wenn sie in einem Umfeld landen, wo dies schonungslos ausgenutzt und eingefordert wird.  

An wen soll man sich bei Verdacht auf Burn-out wenden?

Placek: Spezialisten für Burn-out sind Psychiater und Neurologen. Sich vom Hausarzt nur Stimmungsaufheller verschreiben zu lassen, ist zu wenig. Burn-out bedarf einer Revidierung der persönlichen Grundeinstellung. Ich hatte das große Glück, dass mein damaliger Werksarzt Dr. Rudolf Stanek sofort den Ernst der Lage erkannt und mich zum Psychiater und Neurologen Dr. Michael Heber geschickt hat.  

Kann Ihnen Burn-out wieder passieren?

Placek: Burn-out kann jedem Menschen mit dem falschen Setting passieren. Ob es mir wieder passieren kann? Ich bin überzeugt, dass ich die entscheidenden Trigger für mich definiert habe, um mich vor einem neuerlichen Burn-out zu schützen. Ich habe gelernt, Anzeichen rechtzeitig zu erkennen und meine Grenzen zu akzeptieren. Ich lebe jetzt glücklich wie nie zuvor. Für mich war Burn-out ein Stolperstein auf meinem Lebensweg, aber im Nachhinein betrachtet eine große Chance, mein Leben neu zu orientieren.

Burn-out – bin ich gefährdet?
Je mehr der unten angeführten Sätze auf Sie zutreffen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Burn-out gefährdet sind:
  • Ich habe keine Freude mehr daran, etwas zu unternehmen.
  • Ich ziehe mich immer mehr von meiner Umwelt zurück.
  • Ich leide vermehrt unter Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche.
  • Ich fühle mich energie- und antriebslos.
  • Ich empfinde oft eine starke Abneigung, täglich zur Arbeit zu gehen.
  • Ich kann abends oft nicht richtig abschalten.
  • Ich brauche immer mehr Zeit, um mich zu erholen.
  • Ich nehme häufig Probleme der Arbeit mit nach Hause.
  • Ich leide unter Schlaflosigkeit, Nachtschweiß, Ohrensausen oder habe das Gefühl, ständig etwas tun zu müssen.
  • Ich kann nicht Nein sagen und möchte anderen gefallen.

Posten Sie Ihre Meinung