20.11.2015

Wut tut gut

Warum unsere Kinder wütend sein dürfen

Wut und Aggression sind oft ein Tabu – Harmonie hat einen hohen Stellenwert. Und doch ist das Zulassen der Gefühle, auch der negativen, der Schlüssel zu mehr Gesundheit und einem zufriedenen Leben. Wir haben eine Expertin gefragt.

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Wut und Aggression gelten immer noch als Tabu. Wir leben in einer Happy-Peppi-Welt – Harmonie hat hier einen besonderen Wert. Gerade deshalb, weil viele von uns nicht gelernt haben, Aggressionen oder andere schmerzhafte Emotionen auszudrücken, geschweige denn, mit ihnen konstruktiv umzugehen oder ihnen positiv und wertschätzend zu begegnen. „Dabei wäre es so einfach“, erklärt Familienberaterin und Coach Mag. Sandra Teml-Jetter.  „Es geht darum, diese Gefühle in uns zuzulassen. Ihnen Raum zu geben. Vor allem auch unsere Kinder zu lehren, auf das, was in ihrem Inneren los ist, zu hören. Und das auch auszudrücken.“ Kinder brauchen nämlich besondere Unterstützung.

Angst vor kindlicher Aggression?
Viele Eltern wollen unangenehme Gefühle ihrer Kinder nicht wahrhaben und greifen unmittelbar ein. Es gibt diesen neuen Imperativ an Kinder, der lautet: „Du musst glücklich sein!“ Das ist furchtbar für Kinder, zumal Aggression eine Reaktion des Gehirns auf einen Unruhezustand ist. Wenn ein Kind zum Beispiel traurig ist, weil es etwas nicht bekommt, wollen wir es sofort trösten. Wenn dann das Kind „Du bist die blödeste Mama der Welt“, schimpft, können wir uns als Eltern, anstatt beleidigt zu sein, dem Kind zuwenden und ihm sagen: „Na, du bist aber wütend! Was hat dich denn so wütend gemacht?“ Doch viel zu oft schmeißen wir die Nerven weg und wollen uns dem nicht stellen. Wir werden von unserem eigenen inneren Kind getriggert – in unserer eigenen Verletzbarkeit.



Wertschätzung ist der Schlüssel

In dem Moment, wo wir unser Kind anbrüllen, fühlt es sich bestimmt alles andere als wertvoll – und es weiß nicht einmal warum. Es ist sinnvoll zu wissen, dass der Mensch einen Schmerz empfindet, wenn er sich nicht wertvoll fühlt. Durch Ausgrenzung, Demütigung, Verletzung der Integrität, Zufügen von Schuld und Scham – das aktiviert die neurobiologische Schmerzmatrix.

Interesse bekunden
Ist ihr Kind Ihnen gegenüber aggressiv und wütend, dann zeigen Sie Interesse und Bereitschaft, dem Kind zuzuhören. Auch wenn wir als Eltern der Auslöser der Wut oder Traurigkeit waren, indem wir etwas nicht gesagt oder nicht getan haben. Wenn es uns dann auch noch gelingt, uns nicht zu rechtfertigen, sondern die Antwort unseres Kindes auf uns wirken zu lassen und darüber nachdenken, dann haben wir etwas Neues gelernt.

Zukunftsgedanken  machen Angst
Sie kennen das bestimmt: Ihr Kind sitzt zu Hause am Handy oder Computer und kann es partout nicht aus der Hand legen. „Erziehung beginnt meist am Rande der Angst“, meint Mag. Teml-Jetter.  Sie erklärt weiter: „Beobachten Sie sich mal selbst dabei, welche Gedanken Ihnen dabei durch den Kopf schießen, wenn Sie Ihr Kind als ‚Phonosapiens‘ erkennen: Mein Kind wird so niemals die Schule schaffen, wenn es so wenig lernt und nur am Handy hängt. Hoffentlich schafft mein Kind überhaupt die nächste Schularbeit! Am Ende wird mein Kind immer bei uns wohnen. Aus dem wird ja nie was! Und so weiter und so fort. Meist stürzen Eltern dann ins Zimmer und brüllen: „Dreh sofort ab!“. Das ist wie die Geschichte von Watzlawick und dem Hammer, den er sich ausborgen möchte und dann – ob lauter Zweifel –zum Nachbarn sagt, dass er seinen blöden Hammer gar nicht brauche. Dazwischen liegen aberwitzige selbstgestrickte Gedanken an die Zukunft.“

Unerfüllte Bedürfnisse
Wut ist ein Katalysator – direttissimo zu unseren Bedürfnissen. Das schreibt auch Marshall B. Rosenberg in seinem Buch „Gewaltfreie Kommunikation“.  Wut verbindet uns mit unseren unerfüllten Bedürfnissen. Wut ist ein natürliches Gefühl, das durch unnatürliches Denken verursacht wird.

Wut schützt vor Schmerz
„Der evolutionäre Zweck von Aggression ist die Bewahrung von körperlicher Unversehrtheit und Abwehr von Schmerz. Wer die Schmerzgrenze berührt, wird Aggression ernten – Aggression ist legitim. Wer Grund für Ärger oder Wut hat, sie aber nicht kommunizieren darf oder kann, wird krank“, so die Expertin.
Conclusio: Geben Sie Ihrem Kind beim nächsten Wutanfall den Raum, sich auszudrücken. Laden Sie Ihr Kind ein, über seine Gefühle zu sprechen. Wut auszudrücken (lesen Sie dazu den Kasten auf der vorherigen Seite), denn Wut tut gut, weil wir uns dabei besser kennenlernen.